Tourismuslehre



 SUCHE:
 

Tourismusforschung zwischen Wissenschaft und Praxis

Tourismusforschung

 

Autor: Marc Sölter Hotelfachmann, Tourismusreferent

 

Die Tourismusforschung kann als eine noch recht junge Wissenschaftsdisziplin, die für eine fächerübergreifende, interdisziplinäre Arbeitsweise geradezu prädestiniert ist, bezeichnet werden. Ein fächerübergreifender, interdisziplinärer Ansatz in der Tourismusforschung, ist auch notwendig, denn die Tourismusforschung muss auf Wissen anderen Fachdisziplinen zurückgreifen können, um den wirtschaftlichen, ökologischen, soziokulturellen und politischen Prozessen und Auswirkungen des Phänomens Tourismus gerecht werden zu können. Bedingt dadurch, dass Tourismus nur ganzheitlich und interdisziplinär angegangen werden kann, identifiziert Bieger (1994) die Tourismuslehre als eine eigentliche Schnittpunktswissenschaft. Auf der anderen Seite aber, stellt die interdisziplinäre Thematik der Tourismusforschung sowohl eine Chance als auch Defizit dar, den viele der bislang entstanden Arbeiten und Forschungsergebnisse sind in den verschiedenen Fachbereichen der Universitäten verstreut. Tourismusforschung wird von den Vertretern verschiedener Wissenschaftsdisziplinen betrieben, dies sind z.B. Ethnologen, Geographen, Ökonomen, Historiker, Soziologen, Psychologen und Kulturwissenschaftler, um hier nur einige von ihnen zu nennen. Teilweise werden Forschungsergebnisse, Diplomarbeiten und Dissertationen veröffentlicht, andererseits liegen viele  dieser Arbeiten gut behütet in den Schreibtischschubladen der Professoren.

 

Betrachtet man die Anfänge der Tourismusforschung in Deutschland mit der Gründung des Forschungsinstituts für den Fremdenverkehr in Berlin (1. März 1929), so kann die Tourismusforschung auf eine über 70 jährige Tradition zurückblicken. Es gibt also seit ca. 70 Jahren eine Fremdenverkehrs- bzw. Tourismuswissenschaft die sich mit – wechselndem Erfolg – bemüht, das Phänomen zweckfreien Ortsveränderung von den verschiedensten Seiten zu beleuchten (vgl. Hömberg 1978) Lange Zeit wurde von der  Tourismusforschung primär die wirtschaftliche Seite des Tourismus betrachtet. Obwohl bereits schon 1942 vom Nestor der Disziplin, Walter Hunziker darauf hingewiesen wurde, dass dem Wesen des Fremdenverkehrs, nur in seinen verschiedenen Funktionen gerecht werden kann, blieb der Tourismus über Jahrzehnte hinweg, Lehr- und Forschungsgebiet der Ökonomie.  Er geht nicht in der Verkehrswissenschaft auf, nicht in der Wirtschaftswissenschaft, sondern er ist mit  seinen verschiedenen, gleichzeitigen Funktionen zu sehen (Hunziker 1942). Die Gründung des Starnberger Studienkreis für Tourismus im Jahr 1961  kann als Geburtsstunde der sozialwissenschaftlich orientierten Tourismusforschung bezeichnet werden. Jedoch scheinen die Forschungsbemühungen zu Reisen und Tourismus aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive bisher nur marginal zu sein. So zeigen Soziologie, Psychologie, Politik-, und Kommunikations- und Erziehungswissenschaften (Freizeitpädagogik) eine hohe Zurückhaltung gegenüber dem Reisen (Bachleitner 2005). Im Laufe der Zeit konnte sich jedoch eine eigenständige sozial- und kulturwissenschaftliche Tourismusforschung entwickeln. Der Tourismusforschung stehen somit auch alle Methoden der qualitativen Sozialforschung zur Verfügung. In den tourismuswissenschaftlichen Analysen, Bewertungen und Prognosen stehen soziale, ökonomische, ökologische und kulturelle Aspekte im Mittelpunkt. Tourismus wird dabei nicht mehr nur als wirtschaftliche Existenz und soziale Errungenschaft betrachtet, sondern auch als Herausforderung und Aufgabe zur Förderung eines umwelt- und sozialverträglichen Reisens (vgl. Opaschowski 1997) Heute können in der Tourismusforschung nach Smith 1995 folgende Ausprägungen der Tourismusforschung unterschieden werden:

 

Ausprägungen der Tourismusforschung

l      ... psychologische Sicht

l      ... verhaltenswissenschaftliche Sicht

l      ... geographische Sicht

l      ... betriebswirtschaftliche Sicht

l      ... volkswirtschaftliche Sicht

l       ... philosophische Sicht

                                                                                                     (nach Smith, 1995)

Teilweise sind diejenigen Wissenschaftsrichtungen die sich mit dem Phänomen „Tourismus“ beschäftigen, zu eigenständigen und anerkannten Teildisziplinen innerhalb ihrer jeweiligen Mutterfächer geworden (vgl. Hopfinger 2004). Besonderst die geographische Tourismusforschung stellt als Fremdenverkehrs- bzw. Tourismusgeographie eine eigenständige Teildisziplin innerhalb der Geographie dar. Ähnliche Entwicklungen sind auch bei der Tourismuspsychologie und –soziologie zu erkennen. Seit einigen Jahren werden Vorlesungen und Seminare zur Soziologie und Psychologie des Tourismus an Universitäten und Fachhochschulen veranstaltet. Es wurde versucht sich aus der Randstellung des betriebswirtschaftlich dominierten Wissenschaftssystem „Tourismus“ zu lösen und die Soziologie und Psychologie in eine kultur- und sozialwissenschaftlich orientierte Tourismusforschung einzubinden (vgl. Schimany 1999). All diese verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, bereichern die Tourismusforschung um ihre Modelle und Methoden der jeweiligen Kerndisziplin. Entsprechende vielfältig wie der disziplinäre Zugang sind die in der Tourismusforschung verwendeten Methoden (Bieger Tourismuslehre 2004).

 

Aber trotz vieler positiver Entwicklungen in der Tourismusforschung, konnte die Tourismusforschung bisher in der Öffentlichkeit nur wenig Profil entwickeln.

 

So war z.B. in der „Kölnischen Rundschau“ zu Lesen, Tourismusforschung erinnere immer noch an das berühmte lesen aus dem Kaffeesatz.  Auch die FAZ, bezeichnete die Tourismusforschung als einen der armseligsten Zeige der Sozialwissenschaft: An alledem verwunderte vielmehr, dass die Tourismusforschung überwiegend aus betriebswirtschaftlichen Postulaten zu bestehen scheint. Es soll, es könnte, man darf nicht und wir müssen endlich - so formuliert man hier. Aber wie es ist, das sagte überhaupt niemand (FAZ). Aber woher kommt das schlechte Bild von der Tourismusforschung? Nach einer kurzen Bestimmung der Tourismusforschung, wird auf diese Frage eingegangen.

 

 

 

Die gigantische Tourismus-Werbe-Industrie ist in allem, was sie tut, klar gegen die Urlaubsreisenden gerichtet. Wer wollte das bestreiten? Daneben durchwuchert eine so genannte "Tourismusforschung", in die von Staat, Banken und Massentourismus-Unternehmen Unsummen investiert werden, immer mehr Universitätsinstitute. Auch sie wird gegen die Urlaubsreisenden zum Einsatz gebracht. Der noch besseren und massenhafteren Verwertbarkeit wegen werden sie in Umfragen ausgehorcht und in Tiefeninterviews regelrecht ausgeweidet. So tief hat Goebbels (aufgrund noch mangelnden Instrumentariums) nicht in die Menschen hineingesehen. Analysen der Reisemotivationen, Studien zum Urlaubsverhalten, Werbemitteltests, Konsumkraftberechnungen - alle diese "Forschung" genannten Ausspionierungen der Menschen haben nur den Zweck, sie noch gezielter lenken und auspressen zu können und ihren wirklichen Interessen zuvorzukommen. Die erarbeiteten Statistiken sind Schlachtpläne, nichts anderes.

 
                                                                                                               (Quelle: Wilhelm - Der Exeß)

 

 

 

 

 

Aber was ist eigentlich Tourismusforschung und womit beschäftig sie sich? Das Wort Tourismusforschung setzt sich zusammen aus dem Begriff „Tourismus“ und dem Begriff „Forschung“.

 

WISSENSCHAFTLICHES ERFAHREN =       Ursächliche Zusammenhänge und Erscheinungen aufdecken, gefundene Tatsachen erklären, ordnen und zukünftige Erscheinungen prognostizieren.

 

Zweck der wissenschaftlichen Forschung

 

Theoretischer Zweck

Erklärungen und Prognosen erarbeiten, um daraus logisch konsistente Theorien und Lehren

zu gewinnen , welche gesetzartige Aussagen.

 

Praktischer (pragmatischer) Zweck

Erarbeiten von Entscheidungsgrundlagen, die zusammen mit den Theorien zur Gestaltung von Handlungsprozessen dienen.                                           (Quelle: Müller, Freizeit und Tourismus 1996)

 

Es gilt zu beachten, dass Forschung immer zwei Seiten hat:

Die eine Seite ist forschungsimmanent und für sie gilt eigentlich ständig, dass weitere Forschung unbedingt gebraucht wird. Wie jeder empirisch arbeitende Wissenschaftler weiß, werden mit allen Untersuchungen weniger Fragen beantwortet als durch sie an neuen Fragen aufgeworfen wird.

 

Die andere Seite ist die der Rezeption und Umsetzung oder Verwertung von Forschungsergebnissen.

 

Quelle: (C-B-R Tourismus Symposion Dienstag, 17. Februar 2004 Jörn W. Mundt)

 

Die vielen Probleme und Schwierigkeiten der Tourismusforschung zeigen sich schon bei der Definition des Forschungsgegenstandes (vgl. Steinbach 2003). Was ist aber nun mit dem Begriff „Tourismus“?  Unzählige Autoren haben sich um eine Tourismus-Definition bemüht. Entstanden sind Definitionen mit angebotsseitigem und nachfrageseitigem Ansatz, wirtschaftswissenschaftliche, betriebswirtschaftlich orientierte, kommunalwissenschaftliche, geographische oder auch verkehrswissenschaftliche Tourismus-Definitionen (vergl. P. Gleichmann, Zur Soziologie des Fremdenverkehrs). Aus diesen verschiedenen Definitions-Versuchen, wird ersichtlicht das die Tourismusforschung erhebliche Probleme und Schwierigkeiten bei der Definition des eigenen Forschungsgegenstand hat. Es gibt nämlich keine allgemein akzeptierte und verbindliche Tourismusdefinition. So betonten z.B. die Tourismus-Definitionen der Tourismuspioniere Hunziker/Krapf und auch jene von Bernecker, die reine Konsumorientiertheit als Charakteristikum des Fremdenverkehrs, was bedeutete das der gesamte Geschäftsreiseverkehr auszuklammern ist (vgl. F. Schadlbauer 1973). Wird nun z.B. eine dieser Definitionen als Grundlage für die Forschungstätig eines Wissenschaftlers der im Tourismus forscht verwendet,  so darf dieser auf gar keinen Fall im Geschäftsreiseverkehr forschen. Denn der Geschäftsreiseverkehr wäre ja, nach der verwendeten Definition nicht den Tourismus zuzurechnen.  

 

Die verwendete Tourismus-Definition, bestimmt  den Forschungsgegenstand der Tourismus-

forscher:                                  - zu breiter Bezugsrahmen

                                               - zu enger Tourismusbegriff

 

Konsequenzen der langjährigen einseitigen Ausrichtung der Tourismusforschung

Die ökonomische Bedeutung des Tourismus, sein direkter Beitrag zur Beschäftigung und zum Einkommen der Bevölkerung, sowie seine indirekte Anschubs- und Multiplikatorenfunktion für andere Wirtschaftszweige machten und machen die Analyse des Verhältnisses von Tourismus und Ökonomie, zu einem zentralen Thema der Tourismusforschung. Entsprechend ihrer praktisch-beratenden Ausrichtung muss die Tourismusforschung insgesamt als überwiegend anwendungsbezogen und wenig grundlagenorientiert bezeichnet werden (vgl. Bleile 1996; Freyer 1995). Konsequenzen sind ein erheblicher Nachholbedarf in der touristischen Grundlagenforschung und eine notwendige Stärkung der kultur- und sozialwissenschaftlichen Tourismusforschung.

 

 

Der Tourismus als Wissenschaft

 

Innerhalb der Tourismusforschung können drei Herangehensweisen bzw. Entwicklungsschritte einer Tourismuswissenschaft unterschieden werden (vgl. SCHÄFER 2003/Nahrstedt 1995):

 

  1. Tourismusforschung in bestehenden Disziplinen;
  2. Interdisziplinäre Forschungsansätze der verschiedenen Fachrichtungen über Teilaspekte des Tourismus und Austausch der Ergebnisse;
  3. Multidisziplinäre Tourismuswissenschaft als institutionalisierte Tourismusforschung aufgrund eines einheitlichen wissenschaftlichen Paradigmas für den Bereich Tourismus als globales Phänomen

 

In den letzten Jahren nun beginnt die Fremdenverkehrswissenschaft – oft von ihren Rändern her – mit sich selber unzufrieden zu werden, wird sensibel für ihre Begrenztheit und sucht nach Wegen zu einer breiter fundierten Tourismuswissenschaft führen (Spode 1995). Doch kann es überhaupt eine Tourismuswissenschaft geben? Vereinzelte träumen von einer großen einheitlichen Tourismustheorie – so einer Art vereinigter Mikro- und Makrotheorie, ähnlich der kompinierten Quanten – und Relativitätstheorie bzw. Grand Unified Thorie als Hoffnungsobjekt der Kosmologen. Andere lehnen die Bezeichnung Tourismuswissenschaft gänzlich ab (Mazanec 1991).

 

Wir sollten uns hüten, die Tourismusforschung als eigenständige wissenschaftliche Disziplin zu betrachten, die ihre Grundlagen für die Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten bezieht. Eine eigenständige Tourismuswissenschaft kann es nicht geben weil eine Isolierung weder vom Begriff her noch vom systemtheoretischen Ansatz her sinnvoll erscheint. (Müller 1996)

 

Seit Anfang der 90er Jahre, findet eine intensive Diskussion darüber statt, ob es nun eine eigenständige Tourismuswissenschaft oder eine additative Tourismuswissenschaft geben kann, oder ob der Tourismus lediglich ein Forschungsobjekt bzw. Forschungsgebiet ist (vgl. Sölter 2006). Auf diese Diskussion soll hier nicht weiter eingegangen werden, vergleiche hierzu meinen Artikel Tourismuswissenschaft.

 

Derzeit mangelt es der Tourismuswissenschaft an einem einheitlichen touristischen Gesamtmodell oder einer verbindenden Theorie des Tourismus sowie Methode (vgl. Freyer 1997). Die Forschergemeinde ist sich also uneinig, es gibt weder eine allgemein akzeptierte Definition des Tourismus, keine einheitlich Theorie sowie Modelle und Methoden. Auch das Image der Tourismusforschung  in der Öffentlichkeit leidet stark unter diesen Umständen.

 

Der Wissenschaftsferne der Tourismusbranche entspricht umgekehrt die Geringschätzung der Beforschung des Reisens, genauer: des Massenreisens, durch die Wissenschaften. Sei es, dass Tourismus einene Hautgout des Vulgären, Unseriösen hat. Sei es, Dass er sich –trotz ökologischer Kritik – wenig eignet, als drängendes gesellschaftliches „Problem“ definiert zu werden. (Hasso Spode, Vorwort in Yoyage 1997)

 

Wie auch immer sich die Diskussion über den Tourismus als Wissenschaft bzw. die Tourismuswissenschaft entwickeln wird, wünschenswert wäre in jedem Fall zumindest eine noch stärkere Verknüpfung der Einzelwissenschaften an den deutschen Hochschulen zu einem Kranz von Einzeldisziplinen, die sich um ein gemeinsames Erkenntnisobjekt herumscharen und interdisziplinär eng zusammenarbeiten (vgl. Hopfinger 4. CBR-Tourismus-Symposium).

 

2. Das Problem der Hochschulen und Hochschullehrer

 

Verglichen mit seiner hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung ist die Tourismuswissenschaft an deutschen Hochschulen stark unterrepräsentiert (Freyer 1998). Nach Freyer hängen die geringen personellen und finanziellen Kapazitäten mit einer nur geringen Reputation der Tourismus- und Freizeitforschung im Bereich der allgemeinen Wissenschaften zusammen (vgl. Freyer 1998) Da der Tourismus kein Kernproblem der Industriegesellschaften ist, wird er auch nur selten Gegenstand von öffentlich geförderter Forschung (vgl. Pompl 1994). So gilt die Beschäftigung mit dem Tourismus innerhalb der Universitäten eher als Freizeitbeschäftigung statt als echte Wissenschaft (vgl. Freyer 1998). Diese Umstände haben zur Folge, dass Tourismusforschung kaum über desk-research hinausgehen kann. Die Tourismusforschung unterhält auch wenig Unterstützung, so führt Mundt an, das es seines Wissens in den letzten 50 Jahren noch nie ein direkt tourismusbezogenes Forschungsprojekt gegeben hätten, welches von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Wie sehr der Tourismus als akademische Disziplin belächelt wurde, soll der folgende Text zweigen, welcher anlässlich des damaligen Modellversuch „Aufbaustudium Tourismus“ an der Universität Berlin verfasst wurde:

 

Zur Zwischenprüfung muss der Studierende der Fachrichtung Tourismus in fünf Minuten drei Koffer packen. Im Examen gilt es das winzige „made in Taiwan“ auf dem „echte antiken“ Silber-Armreifen zu erkennen. Und für die Promotion zum Dr. tour wird aus Neapel ein waschechter Straßenhändler eingeflogen, dessen „einmalige Sonderangebot original Schweizer Uhren“ der Kandidat um 30 (für ein ausreichend) bis 75 Prozent (summa cum laude) herunterhandeln muss. Mensa-Witze können über einen möglichen Studiengang Tourismus können die Experten im Planungsstab der Freien Universität Berlin nicht schrecken. Auf…                                       (in Modellversuch Tourismus 1981)

Teilweise jedoch, trifft die im Tourismus Forschenden eine gewisse Teilschuld für die geringe wissenschaftliche Reputation des Tourismus. So berichtete der Sprecher des Arbeitskreises „Freizeit- und Tourismusgeographie“ Hans Hopfinger von den vielen Schwierigkeiten die es selbst auf der Weg zu einer stärkeren Verknüpfung der Einzeldisziplinen zu beseitigen gilt. Um nur ein Beispiel zu nenne: Viele Fachkollegen, die sich eher als Sozialwissenschaftler verstehen und nicht immer nur nach den ökonomischen Aspekten von Freizeit und Tourismus fragen wollen, beklagen sich immer wieder heftig, dass Forschung und Lehre in Freizeit und Tourismus an den deutschen Hochschulen in erster Linie von den Wirtschaftswissenschaften dominiert wird (Hopfinger, 4 CBR-Tourismus-Symposium). Nach Vester, haben des die bisherigen Tourismusforscher versäumt, sich der Konzepte, Theorien und empirischen Ergebnisse zu bedienen, die in den einschlägigen speziellen Soziologien zum Bereich der Arbeit und der betrieblichen Organisation vorliegen (vgl. Vester)

 

Einige Tourismuswissenschaftler erklären mit dem sog. Matthäus-Effekt den Umstand, dass die Tourismuswissenschaft den wissenschaftstheoretischen Anschluss mit Blick auf eine Diskussion über eine Wissenschaftsentwicklung verpasst hat bzw. sich über ihr wissenschaftliches Denken und Handeln keine Gedanken macht (vgl. Wöhler 1998). Der Matthäus-Effekt besagt, dass in der Diskussion über eine Wissenschaftsentwicklung bereits etablierte Tourismus-Wissenschaftler bevorzugt werden, deren Lehrmeinungen bisweilen als überholt bezeichnet werden müssen. Die Schuld wird also den Alten, nicht mehr zeitgemäß forschenden Kollegen zugeschoben. Schuld sind eben immer die anderen.

 

Tourismusforschung, Praxis und Politik

 

Ein anderes Problem für die Tourismusforschung, stellen die Auftraggeber dar. Einer nur schwer oder gar nicht erkennbaren Logik folgend, bemühen sich insbesondere öffentliche Auftraggeber bei der Vergabe von Forschungsaufträgen intensiv darum, durch die Vorgabe von inhaltlichen und konzeptionellen Kriterien zu erreichen, dass die Ergebnisse der Forschung in weiten Teilen die sofortige Verwertbarkeit im politischen Bereich zulassen oder gar nahe zu legen (V. Karst 1986). Auch Jucek kritisiert diesen Umstand in seinem Artikel Tourismusforschung und Fremdenverkehrsplanung: Hinzu kommt allerdings, das sich der Tourismusforscher bemühen muss, mit den verschiedenen lokalen bzw. regionalen Interessenvertretern  (z.B. Kommunalpolitikern, Zimmervermietern, Geschäftsleuten) Kontakt aufzunehmen und deren Sichtweise in seinen fremdenverkehrstheoretischen Überlegungen angemessen berücksichtigen.  Jurczek zieht das Zitat von Krippendorf: „Die Denker.. sind politische Leichtgewichtler. Ihre Empfehlungen bleiben so lange politisch blutarme Theorie, als nicht von der Basis her Druck auf die Politik ausgeübt wird. Die Basis, das sind die Reisenden  und dort die Bereisten. Erst, wenn sie nicht mehr mitmachen wenn sie sich nicht mehr alles gefallen lassen, erst dann wird sich auch die … Realität ändern (Krippendorf 1984 zit in Jurczek 1987) Auch Jurczek kritisiert, das wissenschaftliche fundierte Vorschläge also erst in der Regel nur dann in die tägliche Fremdenverkehrsarbeit eingehen, wenn sie die offizielle Fremdenverkehrspolitik bestätigten und somit legitimieren kann (vgl. Jurczek 1987)

 

Die Möglichkeiten einer wertfreien, objektiven Tourismusforschung werden durch diese Umstände erhebliche behindert. So verwundert auch nicht folgende Aussage: Die Praxis hat gelernt, mit den Schwierigkeiten der Tourismusforschung zu leben; man darf von ihr keine quantifizierbaren und schon gar keine im Detail zutreffenden Prognosen erwarten. (Feldmann 1993) Wie soll man auch von der Tourismusforschung zutreffende Prognosen erwarten, wenn die Forscher in ihrem Handlungsspielraum so erheblich beschnitten werden?

 

Doch wie wird touristische Forschung unternehmerisch relevant? Viele Probleme und Schwierigkeiten mit denen der Tourismus heute zu kämpfen hat, wurde bereits Jahre zuvor von der Tourismusforschung vorhergesagt. Jedoch wurden die Warnungen und Prognosen von der Praxis ignoriert, Chancen und Lösungen die die Tourismusforschung angeboten bwurden, wurden einfach ignoriert oder zu spät eingesetzt. Praktiker und Politiker erwarten von der Wissenschaft zwar empirisch belegte Entscheidungshilfen, etwa in der Form von Handlungsalternativen und der Abschätzung ihrer Folgen, aber keine Entscheidungen. Denn für die Politiker ist nach wie vor der Mehrheitswille der Bevölkerung vorrangig und nicht die Meinung kritischer und mitunter dogmatischer Wissenschaftler (P. Haimayer Tourismusforschung im…).

 

Der Dialog zwischen Tourismusforschung einerseits und Politik andererseits wird allgemein als nicht optimal eingestuft. Eine Ursache dafür ist in den bekannten Strukturmängeln abgeschotteter Ressortpolitik zu sehen, die in Doppelarbeit und Ineffizienz resultieren. Eine weitere Ursache dürfte darin liegen, dass die Tourismuswissenschaften ganzheitliche Problemanalysen, auf denen eine Tourismuspolitik aufbauen könnte, bisher nicht erarbeitet haben. Die eigentliche Blockade bilden jedoch die gewachsenen Strukturen der Forschungslandschaft. Es fehlen ausreichende Voraussetzungen und Anreize für problemorientierte, interdisziplinäre und anwendungsorientierte Forschung (Quelle: Zusammenfassung TAB Nr. 52)


Ein anderes Problem ist, das viele Untersuchungen und Forschungsergebnisse der Tourismuswissenschaftler gar nicht an die Praktiker gelangen. In der Tourismusforschung herrscht ein mangelnder Wissenstransfer von Wissenschaft in die touristischen Unternehmen. Nicht zuletzt, weil vielfach noch nicht die Notwendigkeit der Markt- bzw. Marketingforschung im Tourismus akzeptiert wird (vgl. Bahrmann Dissertation). Jahrelang  hat der Tourismus geboomt und ist schneller als jede andere Wirtschaftsbranche gewachsen, selbst in schlechten Zeiten waren die Zuwachsraten bisher stets positiv. Eine Notwendigkeit zur Tourismusforschung oder einer Tourismuswissenschaft, bestand bisher von Seiten der Praktiker nicht. Aber seit ein paar Jahren nun, hat auch der Tourismus mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Hopfinger schlägt für den besseren Kontakt zwischen der Tourismuswissenschaft und der Tourismuspraxis die Einrichtung eines Instituts des Deutschen Tourismus vor. Dieses Institut hätte vielfältige Schnittstellenfunktionen, und würde verschiedene Akteure der Tourismuswirtschaft, zu einem verbindlichen Gespräch an einen Tisch bringen
Tourismusforschung
» Tourismusforschung.pdf
Definition, Aufgaben und Probleme der Tourismusforschung


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